Motivationale Homöopathie und “Wissenschaftsglaube” im Training und Coaching

Motivationale Homöopathie und “Wissenschaftsglaube” im Training und Coaching

Motivationale Homöopathie und “Wissenschaftsglaube” im Training und Coaching

Autor: Jan Dirk Capelle

“Visualisieren Sie Ihren Erfolg ganz genau, malen Sie sich jedes Detail genau aus. Dieses mentale Bild wird Ihnen die Motivation geben, Ihre Ziele zu erreichen.”

Schonmal gehört? Wenn Sie schon das ein- oder andere Seminar zum Thema (Mitarbeiter-) Motivation besucht haben, stehen die Chancen wohl ganz gut. Sollte Ihnen diese Übung etwas, nun ja, lächerlich vorgekommen sein, befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Forscher_innen zufolge bewirken derartige Übungen im Zweifel nämlich genau das Gegenteil dessen, was Sie sollen: Sie führen eher zu weniger Motivation – und damit zu weniger erreichten Zielen (Kappes & Oettingen, 2011; Macrynikola et al., 2017).

Ich nenne diese im Trainings- und Coachingbereich teils hartnäckigen Mythen “motivationale Homöopathie”: Es kann durchaus sein, dass Sie sich direkt nach der Anwendung einer solchen Übung besser oder auch motivierter fühlen, aber das wäre wahrscheinlich eh passiert. Statistiker nennen derartige Phänomene “Regress zur Mitte”. Auf Deutsch: Wenn Ihre Motivation/Stimmung/Leistung mal besonders niedrig (oder hoch) ist, wird sie sich meist wieder bei Ihrem persönlichen “Mittelmaß” einpendeln, und zwar unabhängig davon, was Sie vorher gemacht haben. Das liegt letztlich daran, dass so komplexe Dinge wie unsere Motivation von hunderten, wenn nicht tausenden Faktoren abhängen, die sich stetig ändern – also für alle praktischen Zwecke von Zufällen zumindest beeinflusst werden (Shephard, 2003). In einem solchen Falle ist es also ein Fehlschluss, die Veränderung an der Handlung oder Übung festzumachen, die man vorher durchgeführt hat.

Gleichzeitig ist das dumpfe Wiederholen jedes wissenschaftlichen Hypes natürlich auch nicht ratsam. Das liegt zum einen daran, dass in populärwissenschaftlichen Büchern meist weit über die tatsächlich verfügbare Evidenz hinaus spekuliert wird. Zum anderen kann es durchaus vorkommen, dass selbst Erkenntnisse, die als gut belegt gelten, rigorosen Tests nicht standhalten (Open Science Collaboration, 2015). Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist die sogenannte “Power Pose” (Carney et al., 2010). Mehrere Studien hatten ergeben, dass das Einnehmen von selbstbewussten Posen (z.B., aufrecht stehen, Hände in die Hüften stemmen etc.) direkte Effekte auf das Hormonlevel und damit auf das Selbstbewusstsein von Versuchspersonen hatte. Ein beliebter TED Talk (über 46 Millionen “views”) basiert auf dieser Forschung.

Als andere Forschungsgruppen die gleichen Studien durchführten, konnten sie allerdings keine derartigen Effekte messen (z.B., Ranehill et al., 2015; Garrison et al., 2016; Cesario et al., 2017). Inzwischen geht man davon aus, dass der Effekt von “Power Posen” nicht existiert.

Aber Moment! Kann das nicht heißen, dass auch wissenschaftliche Studien, wie ich sie eingangs zitiert habe, um die Unwirksamkeit von “motivationaler Homöopathie” zu belegen, ebenfalls nicht stimmen könnten? Durchaus. Gleichzeitig ist das Schöne am wissenschaftlichen Prozess, dass er genau das zulässt. Dieser kontinuierliche Prozess der Selbstkorrektur führt wiederum dazu, dass wir uns generell auf die Ergebnisse gut gemachter Studien eher verlassen können als auf Anekdoten oder Behauptungen.

Wissenschaft ist nämlich alles andere als Glauben und Evidenzbasiertheit ist kein Selbstzweck: Letzten Endes geht es darum, herauszufinden, was wirklich funktioniert.

Das gilt natürlich insbesondere dann, wenn es mehrere Studien zu einem Phänomen oder einer Technik gibt, die in einer Meta-Analyse zusammengefasst wurden, die zu dem Schluss kommt, dass die Ergebnisse der gesamten Forschung zu dem Thema statistisch signifikant sind: Dann geht man davon aus, dass es den entsprechenden Effekt tatsächlich gibt4.

Der wissenschaftliche Prozess ist natürlich nicht perfekt, wie z.B. der amerikanische Statistiker Andrew Gelman eindrucksvoll auf seinem Blog andrewgelman.com darlegt. Und er ist die beste Art, Wissen zu generieren, die  wir kennen.

Der ehemalige britische Premierminister James Callagham soll gesagt haben: “Mit Statistiken kann man alles beweisen, auch das Gegenteil davon.” Ich würde hinzufügen: “Aber ohne Statistik geht es deutlich leichter.”

Was heißt das aber für die Praxis? Grundlegend sind wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse der beste Startpunkt für Methoden im Bereich Training und Coaching.

Wenn die Methode oder Erkenntnis in einem populärwissenschaftlichen Buch vorgestellt wird, gilt allerdings zu beachten:

  • Ist eine Originalstudie angegeben? Wie wurde die Methode tatsächlich getestet?
  • Gibt es weitere Studien zu dem Thema oder der Hypothese? Gibt es gegenläufige Erkenntnisse? Gibt es Metaanalysen in dem Bereich?

Und last but not least gilt es natürlich, die verfügbare Evidenz mit Ihren persönlichen Erfahrungen und Best Practices abzugleichen, denn:

  • Manche wissenschaftlich belegte Effekte entfalten ihre Wirkung nur unter bestimmten Umständen. Man spricht dann von (geringer) ökologischer Validität (der Gültigkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen im Alltag).
  • Meist wird in Studien der durchschnittliche Effekt angegeben – das lässt aber durchaus zu, dass der Effekt sich stark zwischen einzelnen Personen unterscheidet.  

 

Am Ende des Tages geht es im Training und Coaching also darum, die vielbeschworene Balance zu finden zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisstand auf der einen Seite und Alltagserfahrung auf der anderen. Das “Wie” ist natürlich der Knackpunkt – und hängt stark vom konkreten Kontext ab. Letztlich gilt es dann, ähnlich wie ein_e Wissenschaftler_in vorzugehen: Vermutung aufstellen (und begründen), testen, evaluieren, und dann verfeinern oder verwerfen.

 

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1Und ja, es gibt allen Anschein nach “echte” Placebo-Effekte. Damit sind nicht-zufällige Verbesserungen gemeint, deren Ursache etwa darin liegt, dass man überhaupt irgendetwas getan hat. Die genaue Wirkweise des Placebos ist meines Wissens nach noch nicht bekannt. Die Frage, die sich dann stellt, ist natürlich: Könnten Sie einen Placebo nicht auch deutlich billiger haben?

2Der Blog “Evolving Economics” von Jason Collins beinhaltet eine Reihe guter Rezensionen populärwissenschaftlicher Bücher, allerdings auf Englisch (Link: https://jasoncollins.blog/book-reviews/).

3Das Gleiche gilt im Übrigen für die “Facial Feedback Hypothese”, wonach “künstliches” Lächeln die tatsächliche Stimmung heben soll (Strack & Stepper, 1988). Eine groß angelegte Wiederholung des Experiments zeigte, dass es diesen Effekt wahrscheinlich nicht gibt (Wagenmakers et al., 2016). Sollten Sie jemand sein, der oder die genervt ist von der Aufforderung “jetzt lächel doch mal!”: Gern geschehen

4Auch bei Metastudien droht ein sogenannter “Publikationsbias”. Dieser Tritt ein, wenn z.B. nur die eine Studie veröffentlicht wurde, die einen positiven Effekt gefunden hat, während neun andere Versuche zu keinem oder einem negativen Ergebnis kamen – diese aber still und heimlich in der metaphorischen Schublade verschwinden. Mittels statistischer Verfahren kann man diese Verzerrung aber abschätzen und ein Stück weit kontrolliere

Quellen

Carney, D. R., Cuddy, A. J., & Yap, A. J. (2010). Power posing: Brief nonverbal displays affect neuroendocrine levels and risk tolerance. Psychological science, 21(10), 1363-1368.

Cesario, J., Jonas, K. J., & Carney, D. R. (2017). CRSP special issue on power poses: what was the point and what did we learn?.

Garrison, K. E., Tang, D., & Schmeichel, B. J. (2016). Embodying power: A preregistered replication and extension of the power pose effect. Social Psychological and Personality Science, 7, 623630. doi:10.1177/1948550616652209

Kappes, H. B., & Oettingen, G. (2011). Positive fantasies about idealized futures sap energy. Journal of Experimental Social Psychology, 47(4), 719-729.

Macrynikola, N., Goklani, S., Slotnick, J., & Miranda, R. (2017). Positive future-oriented fantasies and depressive symptoms: Indirect relationship through brooding. Consciousness and cognition, 51, 1-9.

Open Science Collaboration. (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349(6251), aac4716.

Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., Leiberg, S., Sul, S., & Weber, R. A. (2015). Assessing the robustness of power posing: No effect on hormones and risk tolerance in a large sample of men and women. Psychological Science, 26, 653656. doi:10.1177/0956797614553946

Shephard, R. J. (2003). Regression to the mean. Sports medicine, 33(8), 575-584.

Strack, F., Martin, L. L., & Stepper, S. (1988). Inhibiting and facilitating conditions of the human smile: a nonobtrusive test of the facial feedback hypothesis. Journal of personality and social psychology, 54(5), 768.

Wagenmakers, E. J., Beek, T., Dijkhoff, L., Gronau, Q. F., Acosta, A., Adams Jr, R. B., … & Bulnes, L. C. (2016). Registered Replication Report: Strack, Martin, & Stepper (1988). Perspectives on Psychological Science, 11(6), 917-928.

 

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